“Ich bin geschockt, dass Deutschland sich in den letzten 14 Jahren beim Thema Kartenzahlung kaum entwickelt hat!”

Erst vor wenigen Wochen berichteten wir an dieser Stelle von der schwierigen Etablierung der Kartenzahlung in Deutschland und der anhaltenden Vormachtstellung von Bargeld als Zahlungsmittel. Viola Hütten ist Head of Consumer Insights bei Coca Cola und lebte viele Jahre in New York. Wir hatten die Möglichkeit sie zu genau diesen Themen zu befragen und konnten feststellen, wie gravierend die Unterschiede zwischen Deutschland und den USA beim Thema Kartenzahlung noch immer sind.

Viola Hutten

Viola Hütten

Ursprünglich kommt Viola Hütten aus Düsseldorf, hat Deutschland aber vor 14 Jahren verlassen. Nach einer Bankausbildung und einem Master Studium in England, arbeitete sie zunächst für eine Unternehmensberatung, mit der sie nach New York ging. Zudem verbachte sie viel Zeit in Südamerika und lebte u.a. 2 Jahre in Singapur. Über eine erneute Zwischenstation in New York landete die Erfolgsfrau vor sechs Wochen schließlich in Berlin und war überrascht wie wenig sich während ihrer Abwesenheit beim Thema Kartenzahlung hierzulande getan hat. Im folgenden Interview sprachen wir deshalb über das Verhalten der Amerikaner zu Bargeld und Kreditkarten, über die Sicherheitsbedenken der deutschen Bevölkerung und über die ersten Wochen zurück in der Heimat.


Wir führen dieses Interview speziell zum Thema Kartenzahlung in Deutschland. Welche ersten Eindrücke haben Sie, jetzt wo Sie wieder hier sind?

Ich bin wirklich geschockt davon, dass Deutschland sich in den letzten 14 Jahren kein Stück entwickelt hat. Es ist für mich faszinierend, dass ein Land wie Deutschland, welches eigentlich so fortschrittlich ist und auch in vielen Industrien zu den führenden Nationen gehört , beim Thema Kartenzahlung noch so hinterher ist.

Gab es denn an den ersten Tagen gleich ein besonderes oder prägendes Erlebnis?

Ganz besonders aufgeregt habe ich mich wirklich in den ersten Tagen zurück in Deutschland, als ich mit Karte zahlen wollte und mein Mittag für 4,50 € fast nicht bezahlen konnte. Dabei fiel mir auf, dass die Verkäufer hier nicht direkt nachfragen ob man mit Karte zahlen will, da sie gleich davon ausgehen Bargeld zu erhalten.

Sie lebten vor dem Umzug nach Berlin u.a. viele Jahre in New York. Kann man die Bezahlmöglichkeiten in den beiden Städten vergleichen? Was sind die größten Unterschiede?

Generell ist eine Kreditkarte für die Deutschen ja nur zum Reisen da und wird sonst gar nicht eingesetzt, während für mich in den USA die Kreditkarte mein einziges Zahlungsmittel ist. Wenn ich Bargeld brauche, dann habe ich meine EC (Debit) – Karte, die ich auch erstmal suchen muss. Das kommt auch nur einmal im Monat vor, dass ich  irgendwo Bargeld am Automaten abhebe und dann weiß ich meine Nummer schon gar nicht mehr, weil man es einfach zu selten nutzt. Wenn man z.B. in New York an der Kasse steht und in seinem  Bargeld kramt, wird man schon angemeckert, weil das so lange dauert.

Ist das Bezahlen mit Karte in den USA denn tatsächlich schneller als mit Bargeld?

Ja absolut. Es ist mindestens doppelt so schnell. Wenn man mal überlegt, die Kasse geht auf, da steht der zu zahlende Betrag, man gibt die Kreditkarte hin und sie wird durchgezogen. Unter 20$ muss man dann gar nichts weiter machen, da sagt die Kassiererin vielen Dank. Über 20$ muss man meist unterschreiben oder seine PIN eingeben. Dann kriegt man seinen Kassenbon und ist weg. Ganz oft erhält man den Kassenbon auch einfach per E-Mail oder SMS und das war es.

Wie häufig werden denn nach Ihrer Erfahrung in den USA Kreditkarten bei Bezahlvorgängen verwendet?

Sehr häufig. Die Möglichkeit mit Karte zu zahlen gibt es eigentlich immer. Es kommt dann darauf an ob die Pineingabe folgt oder die Unterschrift. Beides ist aber definitiv schneller als in seinem Portemonaie rumzuwühlen. Es kommt auch nie vor, dass jemand versucht mit 50$ oder sogar 100$ Scheinen zu bezahlen, das macht man nicht. Es ist peinlich mit Bargeld zu zahlen.

Gibt es noch andere Unterschiede zwischen Deutschland und den USA beim Thema Kreditkarten?

Ich habe mich mal auf dem deutschen Markt für Kreditkarten umgesehen und fand, dass es ein Desaster ist, was es überhaupt an Angeboten gibt. Ich bin da aus Amerika natürlich verwöhnt. Wenn man dort eine neue Kreditkarte beantragt, bekommt man diverse Boni angeboten, wie Flugmeilen oder Startprämien. In Deutschland war nicht ein einziges Angebot zu finden, bei dem man zur Begrüßung etwas bekommt. Das heißt auch der Kunde zahlt in den USA bewusst mit Karte, weil er weiß, dass es dafür etwas gibt und zahlt nicht noch oben drauf wie hier.

Woran glaubst du liegt es denn, dass die Etablierung der Kartenzahlungen speziell in Deutschland so schwierig ist?

Ganz klar an dem Sicherheitsdenken der Deutschen. Es wird einem auch viel vorgemacht:  Das Internet ist gefährlich, Kartenzahlungen – Betrügereien. Oder wie Mama auch immer sagt: Zahl nicht mit der Karte, das ist gefährlich. Deine Identität kann gestohlen werden und das steckt bei den Deutschen stark im Kopf. In Amerika ist das Thema Sicherheit gar nicht so präsent. Es fällt auf wenn man nicht mit Karte zahlt! Dazu kommt das Konsumentenverhalten in Deutschland. Man sagt ja Innovationen funktionieren nur, wenn Sie an bereits bestehende Gewohnheiten anknüpfen. In Deutschland ist Kartenzahlung einfach noch keine Gewohnheit, an der Kasse wird automatisch Bargeld aus dem Portemonaie geholt.

Das Thema Sicherheit ist in Deutschland tatsächlich von sehr hoher Bedeutung. Sind Barzahlungen aber denn nicht auch wirklich sicherer?

Für mich sind Kartenzahlungen sicherer, weil ich auch Versicherungen mit meinen Karten habe, das heißt wenn ich damit zahle, dann ist das abgesichert. Beim Bestellen in Online-Shops zum Beispiel: Kommt irgendetwas nicht an oder ist fehlerhaft, dann kann ich online die per Kreditkarte getätigte Bezahlung sofort rückgängig machen. Sicherer kann es doch gar nicht sein.

Wie verhält es sich mit den anfallenden Gebühren bei Kartenzahlungen? Wer übernimmt diese?

In Amerika übernimmt das der Händler und oftmals sind die Gebühren daher auch einfach schon mit in die Preise eingerechnet. Als Kunde bekommt man davon aber nichts mit. Während hier in Deutschland im Vorfeld einer Taxifahrt eine Kartenzahlung vereinbart werden muss, für die dann noch extra Gebühren anfallen.

Ein weiteres interessantes Thema sind Bonusprogramme beim bezahlen. Ist das ein Thema in den USA?

In New York ist das Thema nicht ganz so präsent, da die Leute einfach zu viel Geld haben und deshalb Bonusprogramme gar nicht brauchen. Es ist allgemein aber schon so, dass viele Personen darauf achten und dann speziell die eine der sechs Kreditkarten beim Bezahlen zücken, mit der es am meisten Punkte, Flugmeilen oder Prämien gibt.

Gibt es abschließend vielleicht noch so etwas wie einen Trend beim mobilen Bezahlen, der in New York bereits anläuft und den du an dieser Stelle schon verraten kannst?

Was auf jeden Fall kommen wird ist onlycoin. Dabei handelt es sich um eine einzige Karte, in die alle anderen Karten eingelesen werden. Das ist ein Riesen-Trend, gerade auch weil viele Amerikaner sieben oder noch mehr Karten besitzen und so nur noch eine bei allen Bezahlvorgängen bräuchten.

Wir danken Viola Hütten ganz herzlich dafür, dass sie sich die Zeit für dieses Gespräch genommen hat. Zusammen mit ihr hoffen wir von payleven, dass sich in Zukunft das Angebot der Kartenzahlung weiter verbreitet und arbeiten daran vielen Kleinunternehmern diese Möglichkeit zu geben.

 

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Allgemein, Finanzen
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